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Kartoffeln

Es gibt vielleicht kein besseres Beispiel für einen Exkurs in die Sprachwissenschaften als die Kartoffel – auf diese Bezeichnungen einigen wir uns der Diplomatie wegen einmal. Vor allem in den hessischen Grenzregionen zu Nachbarbundesländern sind dialekti-sche Begriffe bzw. deren Varianten wie Erdäpfel, Grumbeere, Erdbirne, Tuffel oder Doffel – neben der hessischen Kadoffel – beliebte Ausdrucksweisen. Heute ist die bis ins 18. Jahrhundert in Europa noch gänzlich unbekannte Pflanze selbstverständlicher Teil unserer Ernährung und wir verspeisen rund 60 Kilogramm pro Jahr – ganz schön viel oder?

Wächst nur nachts und im Schatten?

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Die Kartoffel zählt botanisch zur Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae). Der Name dieser Pflanzenfamilie kommt aber nicht etwa daher zustande, dass deren Wachstum an schattige Bedingungen zu nächtlichen Uhrzeiten geknüpft ist. Die Bezeichnung stammt aus dem Mittelalter und ist darauf zurückzuführen, dass Pflanzen dieser Familie – z. B. Tomaten oder Paprika – Stoffe enthalten, die je nach Dosis zu Vergiftungen (nicht „Schatten“, sondern „Schaden“) und zur Bewusstlosigkeit (Um-„Nachtung“) führen können. Aber keine Angst: das betrifft nur die unreifen Früchte und Blätter von Vertretern dieser Pflanzenfamilie.

Die Kartoffelpflanze wächst als buschige Staude von 30 bis 50 cm Höhe und blüht je nach Art von Juni bis August weiß oder violett. Die essbaren Kartoffelknollen wachsen unter der Erde heran.

Kartoffeln

Wusstet ihr, dass die ei-gentlichen Früchte kleine grüne, nicht
genießbare Beeren sind, die oberirdisch an der Staude wachsen?

Eine von vielen bekannten Mitbringseln

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Ursprünglich kommt die Kartoffel aus den südamerikanischen Anden. Die Inka haben mit dem Kartoffelanbau ca. 400 n. Chr. angefangen. Ihre Erfolgsgeschichte in Europa begann, als sie von den Spaniern zusammen mit weiteren damals hier noch unbe-kannten Pflanzen und Früchten wie Tomaten, Gartenbohnen, Paprika oder Mais mitgebracht wurden.

Verbotene Früchte schmecken besser

Es bedurfte aber zunächst noch etwas Aufklärung, bis die Erfolgsgeschichte so richtig an Fahrt aufnahm. Zu Beginn versuchten viele, die ungenießbaren und giftigen ober-irdischen Pflanzenteile der Kartoffel zu essen. Mit der Knolle wusste man nichts anzu-fangen. Einer wusste es aber: Preußenkönig Friedrich der Große. Er führte die Kartof-fel ab 1746 als Grundnahrungsmittel bei uns ein, und behalf sich für die nötige Über-zeugungsarbeit eines einfachen Tricks: Man erzählt sich, dass Friedrich seine Kartof-feläcker von seiner Armee scheinbar bewachen ließ, um so zu provozieren, dass die preußischen Bauern heimlich die Kartoffeln von den Feldern stehlen und die Knollen für sich entdeckten. Wenn etwas doch bewacht wird, muss es ja wohl auch einen gewissen Wert, oder? Friedrich erließ dann in 1756 tatsächlich auch den sogenann-ten "Kartoffelbefehl" und befahl damit seinen Beamten, den Preußen zu vermitteln, wo auch immer möglich, Kartoffeln anzupflanzen.

Kartoffeln

Generell sollte man, um vorzeitiges Keimen zu vermeiden, die Kartoffeln kühl, dunkel und trocken la-gern. Die Standard-Lagerung in der Speisekammer oder im Keller führt früher oder später aber immer zum unvermeidlichen Keimen der Kartoffeln. Wir lagern unsere Kartoffeln deshalb bei einer Tempera-tur von 3 bis 5 Grad Celsius, was dies verhindert.

Das beim Keimen entstehende Solanin ist schwach giftig. Doch sind die Keime nicht länger als ein Zenti-meter, ist die Solanin-Konzentration so niedrig, dass man keimende Kartoffeln noch bedenkenlos essen kann. Die Sprossen sollten dabei allerdings großzü-gig herausgeschnitten werden.

Erfolg mit Schattenseiten

Gänzlich geebnet war der Weg zum Erfolg damit noch nicht. Ernsthafte Probleme bereitete ab 1845 das Auftreten der Kraut- und Knollenfäule, einer Pilzerkrankung, die auch die Tomate befällt. Für breite Bevölkerungsschichten war die Kartoffel schon zur Haupternährungsgrundlage geworden. In vielen Gegenden Europas, vor allem Irland, vernichtete diese Pilzerkrankung nahezu die komplette Ernte und führte zu Hungersnöten. Nachdem man die aus Amerika eingeschleppte Pilzerkrankung ein-dämmen und kontrollieren konnte, hat sich die Kartoffel seit Beginn des 19. Jahrhun-derts als Grundnahrungsmittel auf unserer Speisekarte durchgesetzt.

Schnell (wieder) auf den Damm gekommen

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Bild: Alexei_other, pixabay

Die Kartoffel wächst auf beinahe allen Böden, bevorzugt jedoch einen lockeren Un-tergrund ohne Staunässe. Die meisten unserer hessischen Kartoffeln wachsen in Südhessen und Teilen Nordhessens. Ab Temperaturen von 8 °C setzen wir die Knollen in die Erde, was in der Regel im Laufe des Aprils erreicht wird. In einigen Regionen schützen wir unsere Kartoffeln mit Vlies oder Folie vor kühleren Tempera-turen, die auch im April noch vorkommen können. Aus den ruhenden Knospen (Au-gen) der Pflanzkartoffel bilden sich Ausläufer, an deren Enden die neuen Knollen wachsen.

Durch die Mechanisierung der Landwirtschaft war es möglich geworden, die Kartof-fel in sogenannten Dammkulturen anzubauen. Diese Dämme ähneln in ihrer Form kleinen Erdwällen. Der Anbau in Dämmen sorgt einerseits für eine leichtere Erwärmung der Erde und andererseits für eine bessere Wasser- und Nährstoffversorgung. Beste Bedingungen also für unsere Kartoffeln.

Mit der Ernte beginnen wir meist im August oder September, bei Frühkartoffeln oft schon im Juni oder Juli. Dazu stehen uns schlagkräftige Maschinen zur Verfügung: Sogenannte Kartoffelroder. Den Begriff Roden nutzen wir Bauern übrigens immer dann, wenn wir auch die Wurzelstöcke – in diesem Fall die Knollen – ausgraben bzw. ernten. Die übrigen oberirdischen und für uns Menschen nicht essbaren Bestandteile der Pflanzen bleiben auf dem Feld, wo sie einer Vielzahl von Bodenlebewesen wie zum Beispiel Regenwürmern als Nahrung dienen. Ihr merkt vielleicht: Damit eine gute Ernte eingefahren werden kann, braucht es viel Wissen und Erfahrung. Dass also der dümmste Bauer die dicksten Kartoffeln erntet, dem stimmen wir – das versteht ihr sicher – so gar nicht zu.

Kartoffeln

Wusstet ihr, dass die Volksrepublik China im Jahr 2015 ebenfalls einen „Kartoffelbefehl“ gab? Bis 2020 sollte so die chinesische Kartoffel-anbaufläche verdoppelt werden, um zu einem gesünderen und aus-gewogeneren Ernährungsverhal-ten beizutragen. Von allen Gemü-sesorten hat die Kartoffel nämlich den höchsten Anteil an für Men-schen verwertbarem Eiweiß. Au-ßerdem braucht sie deutlich weni-ger Wasser als z. B. Reis.

Weiterverarbeitung dominiert

Kartoffelroder
Bild: mihalec, Freepik

Wir bauen in Hessen jedes Jahr Kartoffeln auf einer Fläche von ca. 4.400 ha an. Das entspricht einer Größe von ca. 5.900 Fußballfeldern. Durchschnittlich werden dabei etwa 40 Tonnen je Hektar geerntet. Das ist etwa die Menge, die auf 2 große LKW passt.

Obwohl die Kartoffel sehr gesund ist und viel Eiweiß und Kohlenhydrate besitzt, ist der Frischverzehr von Speisekartoffeln in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Ein Großteil der Kartoffelernte wird inzwischen zu Chips, Pommes frites, Püree oder Kloßmehl in den Handel weiterverarbeitet. Die aus den Kartoffeln gewonnene Stärke wird außerdem zu Glukose, Puddingpulver und Verdickungsmitteln verarbeitet.

Kartoffeln

Wusstet ihr, dass mit fast 30 Kilogramm die Hälfte unseres jährlichen Pro-Kopf-Verbrauchs an Kartoffeln und Kartoffelprodukten allein auf den Verzehr von Pommes Fri-tes und Chips fällt?
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